Kulturlandschaft – von Bauern geschaffen und erhalten

Wie hat Deutschland eigentlich vor 1 000 oder gar 5 000 Jahren ausgesehen? War das Landschaftsbild damals anders als heute? Und wenn ja: wie anders – und warum? Auf den ersten Blick vielleicht ungewöhnliche Fragen: Aber wenn es in Deutschland keine Landwirtschaft gäbe, stünden wir alle buchstäblich „im Wald“.

Was früher einmal Wald war …

In der Jungsteinzeit etwa zwischen 5 500 und 2 200 vor Christus war beispielsweise die heute als Lüneburger Heide bekannte Region noch weitgehend von Wäldern (Birken, Kiefern, Traubeneichen) und einem entsprechend eingeschränkten Spektrum von hier heimischen Tier- und Pflanzenarten geprägt. Durch die zunehmende landwirtschaftliche Nutzung wurden diese Wälder zurückgedrängt. Da die Menschen früher jedoch keine Möglichkeit hatten, genug Nährstoffe auf den Acker zurückzubringen, verloren die Böden an Fruchtbarkeit und die Heidelandschaft entstand. Dies war ein langfristiger Entwicklungsprozess, bei dem mitunter der Waldanteil und mitunter der Heideanteil zunahmen, bis das heutige Landschaftsbild entstand. 

Osterheide bei Schneverdigen

… ist heute schützenswerte Kulturlandschaft!

Heute würde man eine solche Art der Landbewirtschaftung als völlig verfehlt und zerstörerisch anprangern – und dies wohl auch zu Recht, ist doch die Ursprungslandschaft auf diesem Weg verloren gegangen. Andererseits: Die Heidelandschaften sind dort, wo es sie heute gibt, nicht nur eine sehr ansprechende Bereicherung des Landschaftsbilds, sondern haben sogar selbst inzwischen den Status von schützenswerten Landschaften erlangt. Sie werden – im Fall der Lüneburger Heide im Wesentlichen durch die Beweidung mit Heidschnucken – künstlich erhalten.

Beispiele, wie aus der ursprünglichen Naturlandschaft unsere heutige, vielfach sehr ertragreiche und fruchtbare Kulturlandschaft wurde, lassen sich überall finden. Wäre das Land in den letzten rund 7 000 Jahren aber nicht von Menschen besiedelt und durch die Bodennutzung gestaltet worden, dann wären auch heute noch rund 95 % der gesamten Landfläche Deutschlands weitgehend mit Buchen- und Hainbuchenwald bedeckt. Die abwechslungsreiche Vielfalt aus offenen Bördelandschaften wie der Magdeburger Börde oder der Köln-Aachener Bucht, teils bewaldeten und teils offenen Mittelgebirgen wie Rhön, Harz oder Schwarzwald, oder den zum Teil von Hecken geprägten Regionen Bayerns und Schleswig-Holsteins, an der wir uns heute freuen können, gäbe es ohne Bauern nicht.

In der Hand des Landwirts

Landwirtschaft bedeutet, dass auf Acker und Grünland Pflanzen angebaut bzw. genutzt werden, die eine besondere Eignung als Nahrung, als Futter für die Tiere oder als nachwachsende Rohstoffe aufweisen. Das bedeutet gleichzeitig, dass mehrjährige Pflanzen wie Gehölze (Sträucher, Büsche, Bäume) auf diesen Flächen keine Zeit zur Entwicklung finden; Eingriffe wie die Bodenbearbeitung auf dem Acker oder Mahd und Beweidung im Grünland halten die Landschaft „offen“ und verhindern so die „natürliche Sukzession“, in deren Verlauf wieder Wald entstehen würde. 


Hätten Sie's gewusst?

In einer Landschaft, die durch die Landwirtschaft offen gehalten wird, liegt die Versickerungsrate von Niederschlagswasser – und damit die Grundwasserneubildung – höher als unter Wald. Neben der Landschaftspflege spielt die Landwirtschaft also auch bei dem natürlichen Wasserkreislauf eine wichtige Rolle.

Diese Offenhaltung – und damit Erhaltung – unserer Kulturlandschaften in Deutschland ist eine Dienstleistung, die von den Landwirten im Rahmen ihrer Produktion quasi nebenbei erbracht wird. Keine Kommune, kein Kreis und kein Bundesland hätten die finanziellen Ressourcen, um eine vergleichbare Landschaftspflege durch einen Landschaftsgärtner zu bezahlen!

Grünland hält die Landwirtschaft offen
Landwirtschaft schafft Vielfalt

Zwischenstrukturen, Raine und Saumbiotope

Bis wann war das Zurückdrängen des Waldes „gut“, ab wann ist das Beseitigen z. B. einer Hecke „schlecht“? Diese Frage macht deutlich, dass starke Eingriffe in eine Landschaft, die – wie etwa bei der Lüneburger Heide – das gesamte ökologische Gefüge dauerhaft verändern, mit dem Wissen von heute sehr kritisch zu bewerten oder sogar abzulehnen sind. Tatsächlich sind bis in die jüngere Vergangenheit Eingriffe und Veränderungen in der Kulturlandschaft erfolgt, die nicht nur fragwürdig, sondern aus heutiger Sicht und in dieser Form schlichtweg falsch waren.

Gerade im Zuge der Flurbereinigung in den sechziger und siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts hat – so ist das aus Sicht von heute zu bewerten – der Natur- und Landschaftsschutz bei mancher unteren Flurbereinigungsbehörde nicht die erforderliche Beachtung erfahren. So wurden Hecken gerodet und Bachläufe begradigt – Maßnahmen, die seither zum Teil mit viel Aufwand und Kosten rückgängig gemacht werden. So sind inzwischen viele Kilometer Hecken neu gepflanzt und Gewässer renaturiert worden, um Fehler der Vergangenheit zu beseitigen. 

Eine junge Hecke am Feldrand – hier wächst ein neuer Lebensraum für Fauna und Flora

 

Auch viele Landwirte sorgen auf ihren Flächen, etwa um Hofgebäude, an Waldrändern, in spitz zulaufenden Feldecken oder an Gräben und Gewässern selbst für die Neuanlage von unterschiedlichsten Zwischenstrukturen. Neben der eh schon geleisteten Landschaftspflege bereichern sie so das Bild unserer Kulturlandschaften und schaffen gleichzeitig neue Lebensräume für unterschiedliche Tier- und Pflanzenarten.