„Ökokonten“ und „Flächenpools“ in der Landwirtschaft

Bauvorhaben wie neue Schienentrassen oder die Erschließung von Wohn- und Gewerbegebieten sind Maßnahmen, die in der Regel nach der Eingriffs- und Ausgleichsregelung kompensiert, das heißt ausgeglichen werden müssen. Dies ist im deutschen Naturschutzgesetz geregelt.

Auch Wohnbaugebiete unterliegen den Ausgleichsregelungen

In der Vergangenheit sind Ausgleichsmaßnahmen häufig als Aufforstungen gestaltet worden. Die seinerzeit zwischen Köln und Frankfurt neu gebaute ICE-Trasse ist dafür ein Beispiel: Für die Fläche, die von der Bahntrasse beansprucht wurde, musste ein entsprechendes Areal aufgeforstet werden.

Fichtenwald – deutlich artenärmer als Ackerbegleitstrukturen im Offenland

Doppelter Verlust

Aus Sicht der Landwirtschaft wie auch aus Sicht des Naturschutzes ist dies jedoch ein doppelter Verlust, denn: Einerseits verliert die Landwirtschaft Flächen durch die Baumaßnahme und die Aufforstung, und andererseits ist damit meist ein Rückgang der Artenvielfalt verbunden, da Tier- und Pflanzenarten des Offenlands in einer Aufforstung ihren Lebensraum verlieren. Aber: Die Landwirtschaft muss nicht nur Betroffene in diesem Wechselspiel von Eingriffen Dritter und deshalb notwendigen Ausgleichsmaßnahmen sein. Sie bietet auch Lösungen, die das Offenland erhalten, den gewünschten Ausgleich schaffen und darüber hinaus naturschutzfachlich wertvoll sind.

Blühstreifen statt Aufforstung

Die Stiftung Rheinische Kulturlandschaft hat in Nordrhein-Westfalen ein Modell entwickelt, das inzwischen rechtlich, politisch und gesellschaftlich fest etabliert und vor allem auch anerkannt ist: Die sogenannten „Produktionsintegrierten Kompensationsmaßnahmen“. Das sind – kurz gesagt – Ausgleichsmaßnahmen in und mit der Landwirtschaft.

Eingriffs- und Ausgleichsregelung:

Paragraf 14 Absatz 1 des Bundesnaturschutzgesetzes besagt: „(1) Eingriffe in Natur und Landschaft im Sinne dieses Gesetzes sind Veränderungen der Gestalt oder Nutzung von Grundflächen […], die die Leistungs- und Funktionsfähigkeit des Naturhaushalts oder das Landschaftsbild erheblich beeinträchtigen können.“

Weiter führt das Gesetz in Paragraf 16 Absatz 1 und 2 zu Ökokonten und Flächenpools aus: „(1) Maßnahmen des Naturschutzes und der Landschaftspflege, die im Hinblick auf zu erwartende Eingriffe durchgeführt worden sind, sind als Ausgleichs- oder Ersatzmaßnahmen anzuerkennen…“. Im Gesetzestext werden dazu einige Voraussetzungen beschrieben. Weiter heißt es: „(2) Die Bevorratung von vorgezogenen Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen mittels Ökokonten, Flächenpools oder anderer Maßnahmen […] richtet sich nach Landesrecht.“

Die Stiftung Rheinische Kulturlandschaft als Maßnahmenträger bildet Flächenpools, das heißt sie sucht Landwirte, die Teilflächen ihres Betriebs langfristig als honorierte Naturschutzareale im Rahmen von Ausgleichsmaßnahmen – etwa als Blühflächen – zur Verfügung stellen. Der Vorteil: Die Flächen bleiben in der Hand der Landwirte und als Offenland erhalten. Bei Bedarf können auf diesen Vorratsflächen dann geeignete Maßnahmen umgesetzt werden. 

Nebeneinander von Ackerkultur und Blühstreifen
Blütenreiche Brache

Werden die naturschutzfachlichen Maßnahmen schon vor einem Eingriff umgesetzt, werden dafür Ökopunkte auf einem sogenannten „Ökokonto“ gutgeschrieben. Damit werden also Vorleistungen erbracht, die später als Ausgleich herangezogen werden können. Umsetzung der Maßnahme, Pflege der Fläche und Ökokonto werden von der Stiftung koordiniert. 

Schutz und Lebensraum für Vielfalt

Der gute Gedanke dahinter: Wenn Eingriffe und damit verbundene Flächenverluste schon nicht verhindert werden können, dann sollen sie wenigstens so ausgeglichen werden, dass Natur- und Artenschutz wirklich davon profitieren. Und das geht zusammen mit der Landwirtschaft außerordentlich gut.

Die heimischen Arten, von Kiebitz über Schafstelze und Biene bis hin zu Schmetterlingen und Kleinsäugern, nehmen diese von den Landwirten angelegten und gepflegten Strukturen sehr gut an; schon in kürzester Zeit sind die positiven Wirkungen erkennbar. Damit sind diese Ausgleichsmaßnahmen in und mit der Landwirtschaft ein gelungenes Beispiel dafür, wie innovatives Denken zu nachhaltigen Lösungen führt. 

Wertvoller Blütenteppich nicht nur für Honigbienen
Honigbiene bei der Arbeit
Schwebfliege auf Blütenbesuch
Lebensraum für Schmetterlinge